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Gioconda Belli
Droemer/Knaur, August 2009, HC, 304 S.
Roman, München 2009 1. Auflage, 303 S.,
ISBN 978-3-426-19852-0, CHF 32.90
„Was befindet sich ausserhalb dieses Gartens? Warum sind wir hier?“
„Wozu willst du das wissen? Du hast doch hier alles, was du brauchst.“
„Warum sollte ich es nicht wissen wollen? Was macht es schon, wenn ich es weiss?“
Eva will es wissen und pflückt die Feige. Kurz hält sie die Unendlichkeit in ihrer Hand: Generationen von Menschen, die die Erde bevölkern, und den Weg zurück ins Paradies suchen werden. Sie hat sie gesehen, denn Elohim zeigte sie ihr. Adam verbot er zwar von dem Baum zu essen, doch Eva schickt er die Visionen der sich entfaltenden Geschichte. Eva hört den Ruf und greift zu, ohne zu ahnen, wie viel Alltagsbeschwernisse diese Entscheidung mit sich bringen wird, wie viel Angst und Schmerz, aber auch wie viel Wonne, wie viele neue Wahrnehmungen und Erfahrungen. Das erkannte Leben ist voller ungeahnter Freuden und Schmerzen. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.
In Gioconda Bellis moderner Paradieserzählung ist Eva der Zwiespältigkeit Gottes auf der Spur. Sie diskutiert mit der Schlange und vertraut allen Zweifeln zum Trotz darauf, dass auch sie Elohims Wünsche kennt. Ihre Tochter soll den Samen des Paradieses in die werdende Menschheit tragen, damit sich eines Tages der Kreis wieder schliessen kann. Der lange schmerzhafte, erstaunliche und erschreckende, aber auch beglückende Weg des Lebens in Freiheit und mit allen Sinnen soll zu seinem Ursprung zurückkehren: in eine Allverbundenheit, die alles Leben trägt. Nicht mehr ahnungslos diesmal, sondern wissend - angefüllt mit Leben durch Jahrtausende. Eva wird dabei zur Erfüllerin der verborgenen Wünsche eines zwiespältigen Gottes. Es lohnt sich, mit Gioconda Belli den biblischen Schöpfungsmythos neu zu entdecken.
Susanne Andrea Birke