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Ein Buch namens Freude

Gedichte von Frauen aus der islamischen Welt
Annemarie Schimmel
C.H.Beck-Verlag, ISBN 3 406 52241 6


Annemarie Schimmel, die bekannte Professorin für Islamische Kultur in Harvard, hat die Gedichte ausgewählt und übersetzt. Unter dem Namen jeder Dichterin werden Geburts- und Todestag, Wohnort und/oder die Umstände der Entstehung des Gedichtes kurz skizziert. Die Einleitung von Annemarie Schimmel ist anspruchsvoll zu lesen. Ihr fehlt zum besseren Verständnis eine Gliederung unter thematischen, geographischen oder eben chronologischen Gesichtspunkten.
Im Buch selbst werden die Dichterinnen unter drei Gesichtspunkten gegliedert: Von den Anfängen des Islams bis zum 19. Jahrhundert, Anonyme Lieder, 20. Jahrhundert. Es finden sich Gedichte aus der türkischen, arabischen, persischen und dem usbekischen Sprache.
Am meisten berührt haben mich die Metaphern, die so anders sind als bei Dichterinnen aus dem abendländischen Kulturraum. Wiedergefunden habe ich wunderbare Satzrhythmen (trotz Übersetzung), Ungereimtes und eigenständige Gedanken-Wort-Kombinationen. Eine Kostprobe:

Landkarte des Selbst

Das Leben beginnt,
wenn ein Baum sich neigt
und eine Mauer ihn stützt.

Das Leben beginnt,
wenn ein Baum sich neigt
und eine Mauer
seinen Fallverhindert.
Nilschlamm
und Schatten
und ein Kanal süssen Wassers.
Das Leben beginnt,
wenn eine Dattelpalme
sich lehnt
an die Wand eines niedrigen Hauses aus
Lehm
und, statt es zu zerstören,
auf dein Dach Datteln streut.
Die erste Frucht darf nicht gepflückt werden –
ganz allgemein
und auf gar keinen Fall!
Wird sie nicht gepflückt, so fällt sie
von selbst.
Die erste Frucht muss eine Dattel sein,
damit sie es fertigbringt,
ihre Samen auszuwerfen.
Immer muss die Dattel die erste Frucht sein,
damit Wissen entsteht
aus Erfahrung
und Schmerz.
Und der erste Mensch
muss weiblich sein,
damit er es fertigbringt,
auf das Dach des Hauses zu steigen –
damit die Entdeckung der Dattel
vollendet wird
und das Knabbern an ihr.

Die Gedichtsammlung lohnt sich. Sie öffnet den Blick dafür, dass es viele Frauen gibt in der islamischen Welt, die zu Bleistift und Feder greifen und auf diese Weise ihrer Eigenständigkeit im Denken Ausdruck geben, aber auch ihrem Schmerz angesichts anhaltender kriegsähnlicher Zustände.

Claudia Mennen

 

 

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