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Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang

Angelika Neuwirth
Berlin 2010, 859 Seiten
ISBN: 978-3-458-71026-4 sFr. 56.90


Buchbesprechung einer Buchbesprechung

Rechtsnationale Parteien in ganz Europa wissen Stimmung zu machen gegen den Islam. In der Schweiz gebärden sich Politiker wie Dr. Schlüer als Verteidiger der christlich-abendländischen Kultur, zitieren querbeet den Koran, müssen aber zugeben, dass sie kaum die Bibel kennen. Mit anderen Worten: Der Koran scheint das buchstäblich Fremde; und wer nicht so weit gehen will, gegen Menschen zu hetzen, vergreift sich wenigstens, scheinbar „politisch korrekt“, bloss an einem Buch. Koran-Polemik als Stimmungsmache und für Stimmenfang, schliesslich ist Wahljahr.

Wie überraschend und quer in dieser Landschaft ein Zugang zum Koran aus der Reihe „Verlag der Weltreligionen“. Die renommierte Arabistin Angelika Neuwirth legt ihr opus magnum vor: „Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang.“ Dabei meint europäischer Zugang nicht einzig die Zugehensweise aus europäischer Wissenschaftsperspektive, einen klassisch-linguistischen Zugang also; vielmehr reklamiert Neuwirth den Koran eben auch europäisches Erbe. Der Koran steht nicht mehr für das Andere / Fremde, sondern ist Teil auch „unserer“ (gemeint der europäischen) Geschichte; er ist zu begreifen „als Teil der Rezeptionsgeschichte seiner eigenen, vertrauten Texte“ (Einleitung, S.22). Von daher ortet Neuwirth auch die grosse Skepsis hierzulande gegen den Koran, weil über diesen Umweg manch säkularisierter Europäer wieder mit seinem biblisch-profetischen Erbe konfrontiert wird.

Erhellend der Forschungsüberblick, der sich nicht in Details verliert, sondern die grossen Bögen nach zeichnet. Und vor allem westliche und orientalische Koranforschung ins Gespräch zu bringen versucht. Hier steht die Koranforschung erst am Anfang eines Dialogs, der fruchtbar werden könnte. Seit der These einer „syro-aramäischen Lesart des Korans“ (Luxenberg) vor gut einem Jahrzehnt wurde viel diskutiert, auch polemisiert – aber selten so textgenau und fair widersprochen, weil Luxenberg „den Kredit vieler durchaus relevanter Einzelergebnisse durch offen zur Schau gestellte apologetische Grundhaltung“ verspielen würde (Neuwirth S.101). Mit andern Worten, reicht es, unbequeme, vielleicht gar falsche Ansätze, leichthin zu ignorieren? Müsste nicht vielmehr die Debatte aufgenommen werden? Genau das macht Angelika Neuwirth, lesbar für Nicht-SpezialistInnen genauso wie verwertbar auch für den Wissenschaftsbetrieb. Und, wie gesagt, endlich auch inspirierend für einen west-östlichen Dialog. Ausserdem einmal eine Korandeutung, die nicht nur Parallelen zur Bibel ausmacht, sondern die Unterschiede auswertet; rhetorische Strategien aufzeigt – und demonstriert, wie der Koran selber bereits Exegese ist, ein Produkt spätantiker Debattenkultur: europäisch jüdisch-christliches Erbe.

Kurzum, ein Kompendium, hilfreich für „westliche“ Koran-Interessierte, aber auch anschlussfähig für islamische Koran-Forschung. Das ceterum censeo: Den Koran endlich auf Augenhöhe zu stellen mit den anderen Heiligen Schriften der monotheistischen Religionen. Meiner Meinung nach gelungen und empfehlenswert.
Thomas Markus Meier

"Der Koran als europäisches Erbe"

Sendung auf DRS 2 hören: Perspektiven vom Sonntag, 20.2.2011, 08.30 Uhr
Der Koran scheint uns fremd, ein Buch aus dem fernen Arabien.

Angelika Neuwirth ist Koranwissenschaftlerin und behauptet das Gegenteil: Der Koran ist Teil von Europa, er ist ein Kommentar zu den Grundlagen unserer Tradition.






 

 

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