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Mark Twain:
Tom Sawyer & Huckleberry Finn
Andreas Nohl hat den Klassiker neu übersetzt
Hanser-Verlag 49.90 Fr
Vor hundert Jahren starb Mark Twain – seine Autobiografie war 100 Jahre gesperrt, und ist jetzt in den USA ein Kassenschlager. Auf deutsch erschien heuer auch erstmals sein Roman „44“ – früher meist in einer unautorisierten Fassung veröffentlicht: „Der geheimnisvolle Fremde“ (nach einer eher fragwürdigen Textgrundlage - macht aber gleichwohl Spass zu lesen, ist dann einfach als eine Art Pasticcio zu behandeln).
Es lohnt sich nun auf alle Fälle auch, altbekannte Klassiker neu zu lesen – etwa die hervorragende Übertragung von „Tom Sawyer & Huckleberry Finn“ durch Andreas Nohl im Hanser-Verlag. Der Verlag macht sich verdient mit exquisiten Neuauflagen samt guten Anmerkungen / Einleitungen von Klassikern, die vorher oft nur fragwürdig oder gekürzt übersetzt waren (Bsp. Tolstois Krieg und Frieden).
2010 also endlich eine Übersetzung der scheinbaren „Jugendbuch“-Klassiker, die textgenau und literarisch anspruchsvoll ist; eine Übersetzung zumal, die das Buch nicht als Kinderbuch behandelt. In den USA übrigens wurde das Original in den letzten Jahren zensuriert. Und auf politisch korrekt getrimmt. So dass dadurch aber plötzlich die Sprengkraft, etwa punkto Sklaverei, verloren ging – just durch das Streichen des Worts „Nigger“. Solches vermeidet der Übersetzer und Herausgeber Andreas Nohl.
Vor allem aber bietet er im Nachwort eine überraschende Deutung für den vielkritisierten Schluss. Hemingway sagte, die gesamte amerikanische Literatur stamme von Huckleberry Finn ab - nur müsse man aufhören zu lesen, wo dem Jungen (der Schwarze) Jim abhanden komme… Denn dort kippt der Roman irgendwie. Das ist schon vielen aufgefallen. Aber es war wohl Twains einzige Möglichkeit, einen Schluss zu finden, der die Wirklichkeit nicht verklärt. Das „formale Scheitern“ spiegelt so das Scheitern der Wirklichkeit. Darum kein schlichtes Happy End.
Viel überraschender, das wird im Nachwort detailliert aufgezeigt, dass die groteske Sklavenbefreiungsgeschichte nur so vor Motiven aus der Passionsgeschichte strotzt. 3 Mal werden leitmotivisch 40 Dollars für das Leben bezahlt, und jedes Mal in einer Szene, in der Huck einem Totgeglaubten begegnet. Der / die geneigte LeserIn erinnert sich an die „30 Silberlinge“.
Schluss des Nachworts: „Das Ende des Romans hat etwas Wundersames, Österliches: Der Tortur folgt die Genesung, die Heilung der Wunden. Doch die Wiederauferstehung des Sklaven als freier Mensch nimmt nichts, aber auch gar nichts vom geschehenen Unrecht, geschweige denn von der fortdauernden Unheimlichkeit der Welt.“
Thomas Markus Meier