Losgelöst
Losgelöst
treibt ein Wort
Auf dem Wasser der Zeit
und dreht sich
und wird getragen
oder geht unter.
Du hast mich lange vergessen.
Ich erinnere schon niemand,
dich nicht
und niemand.
Dies Wort von mir zu dir,
dies treibende Blatt,
es könnte von jedem
Baum
auf das Wasser gefallen sein.
Hilde Domin
Herausgegeben von Nikola Herweg
und Melanie Reinhold
S. Fischer Verlag
Frankfurt am Main 2009
ISBN 978-3-10-015341-8
Worte sind gesagt in einer konkreten Situation einem bestimmten Menschen. Danach treiben sie „losgelöst“ „auf dem Wasser der Zeit“. Sie werden getragen oder gehen unter.
Hilde Domin war sich der konkreten Bestimmtheit, aber damit auch der Vergänglichkeit ihrer Worte bewusst. Für viele Menschen, wie auch mir selbst, sind sie jedoch „losgelöst“ zu tragenden Worten geworden. Sie haben in neue Lebenssituationen und Kontexte hinein gesprochen, waren erhellend, motivierend, Weg weisend. Und sie sind es auch heute noch, immer wieder. So ist es ein kostbares Geschenk, dass der S. Fischer Verlag zum 100. Geburtstag der Dichterin am 27. Juli 2009 „Sämtliche Gedichte“ von Hilde Domin herausgegeben hat.
Das Bändchen umfasst sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichten, aber darüber hinaus auch eine Auswahl bislang unveröffentlichter Gedichte (Ergebnis der Auswahlarbeit im Deutschen Literaturarchiv Marbach, in dem sich ihr Nachlass seit 2006 befindet). In ausführlichen „Editorischen Notizen“ begründen die Herausgeber Aufbau und Auswahl des Buches, als auch ihre Arbeitsweise. Ruth Klüger zeichnet mit verschiedenen Domin Texten ein Lebensbild der Exilschriftstellerin aus Köln, die aller Ungastlichkeit der Welt immer wieder mutig ihr „Dennoch“ der Hoffnung entgegenhielt. Hilde Domin schreibt zu sich selbst: „Irgendwann war ich zuhause. Davon lebe ich das Leben lang. Das war in Köln, in der Riehler Strasse. Dort haben mich meine Eltern mit dem Vertrauen versorgt, dem Urvertrauen, das unzerstörbar scheint und aus dem ich die Kraft des „Dennoch“ nehme.“ .
Bernhard Lindner