50 Jahre Propstei Wislikofen: Bildung, die in die Tiefe geht und Zukunft gestaltet
Seit 50 Jahren ist die Propstei Wislikofen Bildungszentrum und Begegnungsort der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau. Über 90 Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft feierten das Jubiläum unter dem Motto «Zukunft Bildung, Zukunft Kirche». Unter ihnen waren Weihbischof Josef Stübi, Priorin Irene Gassmann, Kloster Fahr, Peter Camenzind, Generalvikar der Bistumsregion Graubünden, Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Landeskirchen sowie zahlreiche Menschen, die mit der Propstei verbunden sind.
Beim Festakt zum Jubiläum am 6. September 2026 wurde jedoch nicht nur zurückgeschaut. Unter dem Motto «Zukunft Bildung, Zukunft Kirche» stand vielmehr die Frage im Zentrum, welche Bedeutung Bildung, Spiritualität und Begegnung für eine Kirche im Wandel haben. Es sprachen:
Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr, Elisabeth Burgener, Präsidentin der Caritas Aargau, Pascal M. Gregor, Kirchenratspräsident der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau, Pfr. Dr. Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau, Matthas Schüepp, Präsident der Synode der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau und Bernhard Lindner, Fachstelle Bildung und Propstei.
Guido Estermann, Leiter Fachstelle Bildung und Propstei, führte durch den Nachmittag. Er erinnerte daran, dass die Propstei weit mehr als ein katholisches Bildungshaus sei. Sie sei ein Ort, an dem sich Kirche und säkulare Welt, Spiritualität und gesellschaftliche Fragen begegnen. Neben kirchlichen Gruppen nutzen auch Unternehmen und private Gäste die Propstei. Und dennoch, so Estermann, sei ein besonderer «Spirit» spürbar: eine Verbindung von Spiritualität, Offenheit und Begegnung.
Der Mut, die Gegenwart ernst zu nehmen
Kirchenratspräsident Pascal M. Gregor blickte auf den Mut jener zurück, die vor rund 50 Jahren beschlossen hatten, im Aargau einen eigenen kirchlichen Bildungsort zu schaffen. Bereits 1968 habe eine Studienkommission festgehalten, religiöse und weltanschauliche Weiterbildung sei «ein Erfordernis der Zeit und der Zukunft».
Gerade diese Verbindung von Gegenwart und Zukunft sei heute erneut entscheidend, sagte Gregor. Die Kirche verliere Mitglieder, finanzielle und personelle Ressourcen würden knapper und die Erwartungen an kirchliche Angebote veränderten sich. Eine grosse Vergangenheit allein sei deshalb keine Garantie für die Zukunft.
Die Propstei habe während ihrer Geschichte immer wieder gezeigt, dass Veränderung dazugehöre. Dies gelte auch für die bevorstehende Neuorganisation der Landeskirche: Auf Anfang 2027 werden mehrere Fachstellen im neuen Zentrum für kirchliche Arbeit und Entwicklung zusammengeführt. Es gehe dabei nicht nur um Strukturen, sondern um die Frage, wo die Landeskirche künftig tatsächlich einen Unterschied machen könne.
Tradition sei wertvoll, wenn sie Orientierung gebe, betonte Gregor. Entscheidend sei jedoch die Bereitschaft, immer wieder hinzuschauen, zu lernen, Gewohntes zu hinterfragen und Neues zu wagen. Für die Zukunft wünsche er deshalb nicht in erster Linie Sicherheit, sondern Offenheit und Mut.
Ein Zufluchtsort für ein Leben, das in die Tiefe geht
Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr nahm die Gäste mit in die benediktinische Tradition der Propstei. Sie beschrieb Klöster und spirituelle Orte als «Zufluchtsorte»: Orte, an denen Menschen aus dem Alltag aussteigen, Ruhe finden, sich neu ordnen und wieder Kraft schöpfen können.
Die Regel des heiligen Benedikt bezeichnet das Kloster als Werkstatt und Schule. Gemeint sei damit nicht nur ein Ort des Arbeitens und Lernens, sondern ein Raum für geistliches Wachstum und persönliche Reifung. Benedikt stelle eine bis heute aktuelle Frage: «Hast du Sehnsucht nach einem Leben, das in die Tiefe geht?» Besonders wichtig ist für Irene Gassmann eines der von Benedikt beschriebenen «Werkzeuge der geistlichen Kunst»: die eigene Hoffnung Gott anzuvertrauen. Gerade angesichts einer ungewissen Zukunft ihrer eigenen Klostergemeinschaft gebe ihr diese Haltung Zuversicht.
Auch die Propstei Wislikofen sei ein solcher Zufluchtsort, sagte die Priorin: ein Ort für suchende und kirchlich engagierte Menschen, an dem sie aufatmen, Fragen stellen und mit Gott in Berührung kommen könnten. Gerade in Zeiten grosser gesellschaftlicher und kirchlicher Veränderungen brauche es Räume, in denen Menschen ihre Gottesfragen in einem kritischen und zugleich aufbauenden Dialog zur Sprache bringen können.
Von der Haltung zum Handeln
Elisabeth Burgener, Präsidentin der Caritas Aargau und ehemalige Grossratspräsidentin, richtete den Blick auf die gesellschaftliche Verantwortung der Kirche. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war die Würde jedes Menschen – unabhängig von Herkunft, Einkommen, Erfolg oder Lebenssituation. Ob christliche Werte glaubwürdig seien, entscheide sich nicht in Konzepten und Leitbildern, sondern im Alltag: bei Menschen, die ihre Stromrechnung nicht bezahlen könnten, bei Alleinerziehenden, einsamen Menschen, Migrantinnen und Migranten oder Menschen, die innerlich an ihre Grenzen kämen.
Gerade deshalb brauche es Orte des gemeinsamen Nachdenkens. Ein Bildungshaus müsse mehr sein als ein Ort der Wissensvermittlung. Es müsse Raum bieten für Diskussionen, Zweifel und unterschiedliche Perspektiven – und Menschen darin unterstützen, die eigene Haltung zu überprüfen und daraus konkrete Schritte zu entwickeln.
Für Burgener kann die Propstei deshalb Reflexionsraum, Antreiberin und «Denkfabrik» zugleich sein. Ihr Wunsch für die Zukunft: Mut zum Fragen, Mut zum Widersprechen, Mut zu Neuem und vor allem Mut zum Handeln. «Die Kirche der Zukunft muss nicht perfekt sein, aber sie muss glaubwürdig sein.» Eine der schönsten Aufgaben eines Bildungshauses sei es, Menschen nicht nur zum Nachdenken zu bringen, sondern ihnen Mut zu geben, aus diesem Denken etwas zu machen.
Ein ökumenischer und offener Ort
Pfr. Dr. Christoph Weber-Berg, Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau, überbrachte die Glückwünsche des reformierten Kirchenrats. Er bezeichnete die Propstei als wichtigen ökumenischen und offenen Bildungsort.
Bildung bedeute auch für ihn weit mehr als Wissensvermittlung: Einkehr, Austausch und Reflexion gehörten ebenso dazu wie die Frage, wie aus einer Haltung konkretes Handeln entstehen könne.
Die Propstei sei ein Ort, an dem Ökumene seit vielen Jahren selbstverständlich gelebt werde. Gerade in einer zunehmend säkularen Gesellschaft verliere die konfessionelle Zugehörigkeit für viele Menschen an Bedeutung. Umso wichtiger seien Räume, in denen unterschiedliche christliche Traditionen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erlebt werden könnten.
Gemeinschaft schafft Zukunft
Matthias Schüepp, Präsident der Synode der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau, stellte die Gemeinschaft ins Zentrum. Wo Menschen zusammenkommen, Beziehungen wachsen und voneinander lernen, werde Kirche lebendig.
Die Propstei Wislikofen stehe seit vielen Jahren genau dafür. Bildung eröffne Horizonte, stärke die Eigenverantwortung und schaffe Räume für Dialog, Reflexion und Sinnfindung. Dabei gehe es nicht nur um Wissen, sondern ebenso um persönliche Entwicklung, Spiritualität und Gemeinschaft.
Gerade angesichts tiefgreifender Veränderungen in Kirche und Gesellschaft gewinne dieses Verständnis von Bildung zusätzlich an Bedeutung. Schüepp bezeichnete die Propstei als einen «Lichtort» im Aargau und darüber hinaus, der Tradition und Neues miteinander verbinde und Menschen weit über die Kirche hinaus erreiche.
Bildung als Motor der Kirchenentwicklung
Zum Abschluss schlug Bernhard Lindner von der Fachstelle Bildung und Propstei die Brücke zur Zukunft. Bildung werde im Zusammenhang mit der Kirchenentwicklung eine entscheidende Rolle spielen. Veränderung könne nur in Vielfalt und im Dialog gelingen. Diese Haltung werde auch in der Jubiläumsausstellung sichtbar, die 50 Jahre Bildungsarbeit dokumentiert. Ihre Themen reichen vom Zweiten Vatikanischen Konzil und einer offenen, ökumenisch handelnden Kirche über Weltverantwortung und Spiritualität bis zu Gleichwürdigkeit, sexueller Vielfalt und den Herausforderungen der künstlichen Intelligenz. Der Anspruch bleibe, so Lindner, die befreiende Botschaft des Evangeliums in die Gegenwart zu übersetzen und damit Menschen und Gesellschaft zu inspirieren.
Die Propstei lebt vom Engagement vieler Menschen. Zum Abschluss dankte Guido Estermann dem gesamten Propstei-Team und Hoteldirektor Samuel Bachofner für ihren grossen Einsatz. Mit viel Gastfreundschaft und Professionalität sorgen sie dafür, dass sich Gäste in Wislikofen wohlfühlen und die Propstei ein besonderer Ort für Bildung, Begegnung und Austausch bleibt.
Musikalisch begleitet von Bernd Vogel am Klavier und Giovanni Barbato an der Geige klang der Festakt beim gemeinsamen Apéro riche aus. So wurde an diesem Nachmittag zugleich erlebbar, wofür die Propstei Wislikofen seit 50 Jahren steht: für Bildung und Begegnung, Spiritualität und gesellschaftlichen Dialog – und für den Mut, Zukunft gemeinsam zu gestalten.