Rückblick Pastoralkonferenz

Rückblick Pastoralkonferenz

Wie und wohin entwickelt sich die Kirche?

Wie geht Kirche weiter, wenn vieles, was sie über Jahrzehnte getragen hat, an seine Grenzen kommt – und gleichzeitig das Bedürfnis nach Orientierung, Begleitung und gelebter Gemeinschaft wächst? Diese Frage stand im Zentrum der Pastoralkonferenz Aargau, die am 19. November 2025 in Aarau stattfand. Unter dem Motto «Fit für die Zukunft – in welche Zukunft?» widmeten sich die Teilnehmenden zentralen Herausforderungen wie der strategischen Neuausrichtung, dem Umgang mit knappen personellen Ressourcen und dem Finden tragfähiger Formen pastoralen Handelns. Ein Tag, der bewusst Raum bot fürs Innehalten, ehrliche Fragen, mutige Gedanken – und einen humorvollen Blick nach vorne

Die Tagungsleitenden Jessica Zemp und Bernhard Lindner starteten mit einer Suche, der Suche nach der Zukunft der Kirche. Was gilt es festzuhalten? Was dürfen wir getrost verabschieden? Und wie können wir uns gegenseitig ermutigen, Neues zu wagen? Vielleicht indem wir finden, nicht suchen…?

Dabei rezitierten sie Pablo Picassos berühmtes Gedicht:
«Ich suche nicht – ich finde.»
Suchen ist das Ausgehen von alten Beständen
und ein Findenwollen von bereits Bekanntem.
Finden, das ist das völlig Neue.
Alle Wege sind offen,
und was gefunden wird, ist unbekannt.
Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer.
Die Ungewissheit solcher Wagnisse
können eigentlich nur jene auf sich nehmen,
die im Ungeborgenen sich geborgen wissen,
die in der Ungewissheit, in der Führerlosigkeit geführt werden,
die sich im Dunkeln einem sichtbaren Stern überlassen,
die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht selbst das Ziel bestimmen.

Kirche im Wandel – Blick nach vorn auf 2045

Zu Beginn der Synode sprach Prof. Dr. Hans Lichtsteiner über die «Kirche 2045», die aktuellen, gesellschaftlichen Entwicklungen und Themen, mit denen sich die Kirche proaktiv beschäftigen sollte. Lichtsteiner begleitet das strategische Projekt «Fit für die Zukunft – Vision 2045 und Strategie der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau». Ziel des Projekts ist es, die Landeskirche im Aargau in ihrer langfristigen Ausrichtung zu stärken und sie auf gesellschaftliche, finanzielle und pastorale Veränderungen vorzubereiten. Sein Referat verband Analyse mit Zuversicht: Ja, Veränderungen stehen bevor – aber sie eröffnen auch Gestaltungsspielräume, gerade dort, wo Kirche nahe bei den Menschen sein will.

Basierend auf dem Darwin-Zitat, wonach nicht die stärkste, sondern die anpassungsfähigste Spezies überlebt, stellt Prof. Lichtsteiner fest: «Wenn wir wie bisher weitermachen, kommen wir an unsere Grenzen. Es braucht ein grundsätzliches Umdenken und den Willen, gemeinsam neue Wege in die Zukunft zu gestalten». Die sogenannte «Widmer-Studie» der Universität Zürich aus dem Jahr 2023 zeigt, dass die Kirchen wichtige Leistungen für die gesamte Gesellschaft erbringen – beispielsweise in den Bereichen Jugendarbeit, Sozialberatungen oder Bildung – die jedoch insbesondere von Jüngeren immer weniger in Anspruch genommen werden. «Neue Finanzierungsmodelle wie Fundraising oder neue Formen der Mitgliedschaft und Mitwirkung könnten uns künftig beschäftigen», meint Lichtsteiner. Die zentrale Frage dabei ist: «Was wollen wir erreichen und warum?». Erst dann können wir uns darum kümmern, wie wir das erreichen – unter Berücksichtigung der unterschiedlichen regionalen Begebenheiten und der Rolle der Landeskirche.

Die anwesenden Seelsorgenden und pastoral Tätigen drückten ihre Zustimmung zum Projektziel 1 aus, das darin besteht, eine Vision für die Römisch-Katholische Kirche im Aargau zu erarbeiten. Gleichzeitig äusserten sie jedoch kritische Fragen, ob dies im geplanten Zeitrahmen innert zwei Jahren realisierbar ist. Sie machten einen Zielkonflikt aus. Das hohe Ziel «Vision» stehe im Widerspruch zur knappen Zeit.

Wenn es um eine Vision für die «Kirche im Aargau» geht, reiche es nicht, die Rückmeldungen aus den staatskirchlichen Gremien (Synode, Kirchenpflegetagungen) zu hören. Auch die pastoral Verantwortlichen (Seelsorgende, Leitungspersonen und Mitarbeitende der Fachstellen) sollten um Beiträge und Rückmeldungen gebeten werden. Die Projektgruppe solle möglichst zeitnah konkrete Fragefelder formulieren, damit diese von den Pastoralraum-Teams, den Fachstellen und den Spezialseelsorge-Bereichen (z. B. Pastoral mit Menschen mit Behinderung oder Jugendseelsorge) bearbeitet werden können. Dabei darf es nicht nur um den Einbezug aktiver Personen gehen, sondern es müssen auch jene Kirchenmitglieder einbezogen werden, die weniger präsent sind.

Personal am Limit – und dennoch voller Potenzial

Der zweite Input des Morgens kam von Guido Estermann, Leiter der Fachstelle Bildung und Propstei. Unter dem Titel «Menschen stark machen – Personal für die Zukunft» richtete er den Blick auf jene, die Kirche tagtäglich gestalten: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich mit Herzblut einsetzen – oft am Limit. Seine Botschaft war klar: Zukunftssicherung beginnt beim Menschen. Anhand einer Studie aus dem Bistum Chur, zeigte er die Problematik der Ungleichzeitigkeit des Rückgangs an Mitgliedern, Personal und Finanzen zum Problem wird. Fachkräftemangel, Kleinstpensen auf der einen Seite, aber Interesse an Zukunftsqualifikationen auf der anderen Seite zeigen aber auch das Potential der Personalentwicklung und der Pastoralentwicklung auf. Dabei sind die Anforderungen an Weiterbildungen, wie Dauer, Inhalte, Aufwand zu beachten, um den Herausforderungen zu begegnen. «Neu denken» ist gefordert, bezüglich Vernetzung, kirchlichen Orten und Räumen, und dem Kirchenverständnis, der Transformation der Struktur und nicht nur deren Optimierung. Die offene Fragerunde im Anschluss machte deutlich, wie gross die Zustimmung, aber auch der Handlungsbedarf ist. Gute Strukturen allein genügen nicht – es braucht Unterstützung, Begleitung und ein Klima, das Engagement ermöglicht.

Guido Estermann & Bernhard Lindner

Zukunft konkret denken – mit Kopf, Herz und Erfahrung

Mit der Initiative «PEP to go – ein Weg zum Kulturwandel» stellt das Bistum Basel ein Werkzeug und ein praxisnahes Weiterbildungsangebot für pastorale Mitarbeitende, Freiwillige und Ehrenamtliche bereit. Kirchlich Engagierte werden dabei unterstützt, Antworten für ihre Arbeit vor Ort zu finden, Ideen weiterzuentwickeln und den synodalen Weg konkret in der Praxis umzusetzen.

Jutta Achhammer Moosbrugger, Pastoralverantwortliche im Bistum Basel, präsentierte daraus die «Points of no return»:

  1. Es geht nicht weiter wie bisher
  2. Abschied nehmen von Kleinräumigkeit eröffnet Räume für Nähe
  3. ⁠Wir entwickeln Kirche mit den Menschen
  4. ⁠Synodalität gehört zur DNA der Kirche
  5. Wertschätzung der «sperrigen Vielfalt»

Da können Leitlinien helfen wie Abschied nehmen, Partizipation und Synodalität, Vielfalt, Kooperation und Offenheit über den Tellerrand hinaus.

Im Anschluss an ihre Ausführungen lud Jutta Achhammer Moosbrugger die Anwesenden zu einem intensiven Austausch über die Frage «Was hält mich in der Kirche?» ein. Mithilfe der strukturierten Methode «Synodales Gespräch» gelang ein sehr intensiver und inspirierender Gesprächsprozess in Kleingruppen.

Trauern, loslassen, lachen, neu beginnen

Der Nachmittag stand unter einem anderen Vorzeichen: Mit einem Trauer- bzw. Abdankungsritual feierte die Pastoralkonferenz Abschied von der Sozialform der Kirche der letzten Jahrzehnte, der sogenannten Volkskirche. Wertschätzend, aber auch kritisch wurde auf sie zurückgeblickt, von ihr Abschied genommen und die Zukunft vertrauensvoll in Gottes Hände gelegt.   

Beim gemeinsamen Ritual entstanden Momente der Stille und der Verbundenheit – und überraschend viel Gelassenheit. Am Ende sprachen sich die Teilnehmenden auf eine sehr persönliche Art Gottes Segen zu.

Der anschliessende «Leichenschmaus» lockerte die Atmosphäre: Bei Kaffee und Kuchen wurde gelacht, erzählt und vernetzt – ein humorvoller Brückenschlag vom Abschied ins Neue.

Mit einem Impuls in die Zukunft gesandt

Ein Tag ging zu Ende, der vieles in Bewegung gebracht hat. Zwischen Reflexion und Leichtigkeit, zwischen Ernst und Augenzwinkern wurde deutlich: Kirche ist auf dem Weg. Und Zukunft entsteht dort, wo Menschen gemeinsam nach vorne schauen. Es war ein Tag des Nachdenkens, des Mutmachens – und des gemeinsamen Aufbruchs.

Text Jeannette Häsler Daffré und Bernhard Lindner

Fotos: Jeannette Häsler Daffré @kathaargau.ch